Die nun vorgestellte Publikation ist nicht nur in ihrer Thematik, sondern auch in ihrer Struktur ungewöhnlich. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie in einem einzigen Band zwei, in Ton und Perspektive unterschiedliche, zugleich jedoch organisch miteinander verbundene Teile vereint. Das Werk ist eine Gemeinschaftsarbeit von András Salamin und Maria Herein, die darin auf eigene Erlebnisse sowie persönliche und familiäre Erinnerungen zurückgreifen, um die Welt der vergangenen Jahrzehnte lebendig werden zu lassen.
Gerade diese Dualität ist eins der größten Werte des Bandes. Die beiden Autoren nähern sich derselben Epoche aus unterschiedlichen narrativen Blickwinkeln und mit verschiedenen Akzentsetzungen an: Die Texte von András Salamin beleuchten die historischen und alltäglichen Prozesse des vergangenen Jahrhunderts anhand persönlicher Lebensschicksale, während Maria Herein mit ihren mit Wudigeß verbundenen, familiär inspirierten Erzählungen das Gesamtbild um eine sensible lokalhistorische und nationalitätenspezifische Dimension bereichert.
Beide Teile stehen jeweils für sich, gemeinsam jedoch entfalten sie ein komplexeres und nuancierteres Zeitbild. Der Band ist somit nicht bloß eine Sammlung von Geschichten, sondern eine Begegnung zweier Erinnerungshorizonte und literarischer Stimmen, in der persönliche Erfahrung zu kollektivem Gedächtnis wird. Die beiden Autoren erzählen in unterschiedlichem Ton, sich aber gegenseitig ergänzend, wobei beide dasselbe Ziel verfolgen: die Bewahrung der Erinnerung.
Der Teilmit dem Titel Igazszólások V. führt die Leser vor allem in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, in die Welt der Jahre von 1900 bis 1940. Die strengen Regeln von Duzen und Siezen, familiäre Konflikte und berührende Missverständnisse, kindliche Streiche, Kriegsalltag, Kriegsgefangenschaft, Flucht, Glaube und Hoffnung – diese Geschichten erzählen von Lachen und Schmerz, von Verlust und Überleben, von menschlicher Schwäche und unbeirrbarer Liebe.
Die persönlich gehaltenen Erzählungen von Maria Herein im Teil Családi kör – 2 rufen den Alltag in Wudigeß, aus der Perspektive des Kindes, jedoch mit erwachsener Reflexion, ins Gedächtnis. Besonders bedeutsam sind die Erinnerungen an Kleidung, an das Dorfleben und an familiäre Alltagsmomente. Die Welt der Helenka-Hosen, der „Orkanjacken”, der geerbten und „besvejfolt“ (enger gemachten) Kleidungsstücke veranschaulicht präzise die kreativen Überlebensstrategien einer Mangelwirtschaft. Für die jüngere Generation der Leser eröffnet sich somit eine heute kaum mehr vorstellbare Welt, aber doch mit vertrauten Gefühlen der Geschwisterrivalität, der Sehnsucht nach Geschenken, der festlichen Erwartung und die der kindlichen Ängste.
Auch die persönliche Motivation zur Entstehung des Buches wird im Vorwort sichtbar: ein im Krankenhaus liegender Freund, der vor Lachen seinen Schmerzen vergaß; eine Mutter, die nach einem Schlaganfall ihr Gedächtnis verlor und der die vorgelesenen Geschichten immer wieder Freude bereiten; sowie die familiäre Tradition, Lebenswege niederzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Diese Erfahrungen verleihen dem Band seine menschliche Authentizität.
Diese besondere zweiteilige Publikation will nicht belehren, urteilen oder Geschichte erklären. Sie erzählt einfach wahre Geschichten und Lebenswege aus einem vergangenen Jahrhundert, und gerade darin liegt ihre bleibende Wirkung.
Salamin András: Újkori történetek – Igazszólások V. Igaz történetek az elmúlt évszázad történéseiből (Geschichten aus der Neuzeit – Wahrheiten V. Wahre Geschichten über die Geschehnisse des vergangenen Jahrhunderts)
Herein Mária: Családi kör – 2. Történetek egy budakeszi család életéből (Familienkreis 2 – Geschichten aus dem Leben einer Wudigeßer Familie)
Budapest : Pauker Nyomda
Seiten: 352
Sprache: Ungarisch
Die empfohlenen Bücher sind in der Sammlung der Ungarndeutschen Bibliothek – wenn nichts weiteres Angegeben- nur zur Leihe zugänglich.
Weitere Informationen: info@bibliothek.hu
