Das Buch von Bence Ament-Kovács beleuchtet einen der komplexesten gesellschaftlichen Transformationsprozesse im Südtransdanubien an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert am Beispiel der Mercy-Apponyi-Herrschaft: jenen Vorgang, der sich nach der Rückeroberung der von den Osmanen besetzten Gebiete Ungarns entfaltet hat und in dessen Verlauf sich das ethnische, religiöse und soziale Gefüge der Region grundlegend veränderte.
Der Autor stellt den Wiederaufbau der regionalen Gesellschaft durch die parallele Untersuchung zweier eng miteinander verflochtener Macht- und Institutionskontexte, des Herrschaftsgebiets und der römisch-katholischen Pfarrgemeinde, dar. Dieser innovative, historisch-ethnographische Ansatz ermöglicht zugleich Einblicke in die Funktionsweise der von der Habsburgermonarchie geförderten Latifundien – wie die Herrschaft, die zuerst der Bottka-, dann der Sinzendorf-, später der Mercy- und zuletzt der Apponyi-Familie gehörte – sowie in den langwierigen, über mehrere Generationen dauernden Prozess, in dessen Rahmen die katholische Kirche versuchte, das religiöse Leben in den zurückeroberten Gebieten neu zu organisieren.
Der Geschichte der Pfarrgemeinden kommt im Buch besondere Bedeutung zu. Die Gestalt von Mihály Winkler, dem Pfarrer von Sagetal/Szakadát, verdeutlicht eindrucksvoll die Herausforderungen und die Beharrlichkeit, die die kirchlichen Organisationsbestrebungen der Ära prägten. Anhand seines Reformwirkens rekonstruiert der Autor detailliert die lokale religiöse Praxis, die Regulierung des Gemeinschaftslebens und jene kulturellen Muster, die das Zusammenleben der deutschstämmigen Siedler mit der ungarischen, serbischen und slowakischen Bevölkerung bestimmten.
Zwischen 1699 und 1767 zeichnet Bence Ament-Kovács die vielschichtigen Lebenswelten von u. a. Berien/Diósberény und Sagetal nach. Durch die verknüpfte Analyse der herrschaftlichen Verwaltung, der Bevölkerungsbewegungen, der religiösen Erneuerung und der alltäglichen Lebenspraxis entsteht ein komplexes Bild, das die historische Ethnografie, die Regionalgeschichte und die Kirchengeschichte zugleich bereichert.
Diese überarbeitete Fassung der Dissertation von Bence Ament-Kovács, die 2024 mit dem Otto-Heinek-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein wissenschaftliches Grundlagenwerk, das einen außergewöhnlich tiefen Einblick in eine multiethnische, sich neu formierende Welt bietet. Mit größtmöglicher Detailgenauigkeit erschließt es den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel Südtransdanubiens Ende des 17. und im 18. Jahrhundert.
Ament-Kovács Bence: Uradalom és plébánia (Herrschaft und Pfarrei)
Budapest : HUN-REN BTK Néprajztudományi Intézet Budapest, 2025
512 Seiten
Sprache: Ungarisch
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