Slachta Krisztina: „Rokonlátogatók”

Umschlag des Buches

Am Ende des Zweiten Weltkrieges flüchteten Tausende von Ungarndeutschen vor der Roten Armee in Richtung Westen. Es wurden ab dem 19. Januar 1946 167.000 Menschen in die damalige amerikanische und ab August 1947 um die 50.000 Ungarndeutschen in die damalige sowjetische Besatzungszone Deutschlands vertrieben. Nach der Gründung der DDR aus der ehemaligen sowjetischen und der BRD aus den britischen, französischen und amerikanischen Besatzungszonen Deutschlands entstand eine – im Vergleich zu den anderen aus Ostmitteleuropa fast vollständig vertriebenen oder geflüchteten deutschen Volksgruppen – außergewöhnliche Lage der ungarndeutschen Volksgruppe. Etwa um ihre Hälfte blieb nämlich in Ungarn, der Rest befand sich im geteilten Deutschland. Ungarndeutsche Familien, Verwandte und Bekannte wurden wegen der Folgen der Vertreibung getrennt, und mussten so in unterschiedlichen Ländern, gegebenenfalls in verschiedenen Regionen weiterleben. Die Situation und Lage nach der Vertreibung war für die meisten enorm schwierig, nicht nur der Neuanfang, sondern auch die Kontaktpflege mit den im anderen Land Verbliebenen oder Vertriebenen war lange nur durch Briefwechsel möglich.

 

 

 

 

Im Buch Megfigyelve von Dr. Katalin Gajdos-Frank geht es hauptsächlich um die Überwachung von Ungarndeutschen in der Zeit des Kommunismus zwischen 1945 und 1956. Teilweise wird aber auch die Thematik der Überwachungen der in Ungarn Verbliebenen und deren ins Land reisenden Verwandten nach 1956 behandelt.

Eingehender können wir darüber in diesem, von der Historikerin Dr. Krisztina Slachta 2020 verfassten Buch lesen. Nach dem gescheiterten Freiheitskampf von 1956 ist ab 1958 schon eine gewisse Lockerung der kommunistischen Staatsführung bezüglich der Zulassung der In- und Ausreise der Schwaben in die bzw. aus der BRD zu verfolgen. Diese wurden vom Jahr zu Jahr in immer größerem Maße zugelassen. In diesem Art von Tourismus sahen die kommunistischen Staatssicherheitsdienste eine potenzielle Gefahr. Viele der Überwachungen richteten sich demgemäß gezielt auf die Verwandtschaftsbesuche der Ungarndeutschen in Ungarn und in der BRD.
Die Autorin hat hauptsächlich die entsprechenden Akten aus dem Historischen Archiv der ungarischen Staatssicherheitsdienste untersucht. Sie hat aber auch die Materialien verschiedener Institutionen wie die im Institut für Kultur und Geschichte Südosteuropas in München, wo sich Dokumente der verschiedenen Organisationen der Vertriebenen und deren Pressematerialien befinden. Sie hat aber unter anderem auch im Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen von Ungarndeutschen geschriebene Ansichtskarten sowie auch Jahrbücher wie der Volkskalender der Deutschen aus Ungarn untersucht.
Ende der 1950er Jahre durfte man nur im Rahmen von organisierten Gruppenreisen nach Ungarn kommen, in den 1960er Jahre wurden die Privatreisen zugelassen. Auch die in Ungarn verbliebenen Ungarndeutschen durften die in Westdeutschland lebenden Verwandten besuchen. So kam es in den 1960er Jahre auch vor, dass sie mehrere Monate in der BRD arbeiten durften, und mit einem gebrauchten Westauto zu Hause im ungarndeutschen Dorf ankamen. Es war aber auch nicht selten, dass die Verwandten aus dem Westen Kleidungsstücke, Haushaltsgeräte und gebrauchte Autos den in Ungarn Lebenden schenkten. Die ungarischen Staatssicherheitsdienste haben mit der Überwachung der Ungarndeutschen im In- und Ausland Anfang der 1970er Jahre aufgehört. Dieses Buch berichtet uns über die Epoche der Überwachungen während des Kalten Krieges aus mehreren Aspekten sowie über die Umstände der Ungarndeutschen im In- und Ausland. Antworten auf die Fragen „Wie? Wann? Warum?” bekommt der Leser auch aus dem eingehenden Quellenmaterial am Ende des Buches.

Das Buch empfehlen wir allen, die ein anspruchsvoll zusammengestelltes historisches Fachbuch über die Bewachung der Ungarndeutschen und ihre Lage im In- und Ausland nach 1956 lesen möchten.

Slachta Krisztina: „Rokonlátogatók”. A magyarországi németek kapcsolatainak állambiztonsági ellenőrzése – egy ellenségkép története – Elemzés és források
(Verwandtschaftsbesucher. Staatssicherheitliche Überwachung der Kontaktpflege der Ungarndeutschen – Geschichte eines Feindbildes – Analysen und Quellen
Pécs-Budapest : Kronosz Kiadó. Állambiztonsági Szolgálatok Történeti Levéltára, 2020.
324. S.,Ill.
Sprache: Ungarisch mit einer kurzen deutschen Zusammenfassung

Die empfohlenen Bücher sind in der Sammlung der Ungarndeutschen Bibliothek – wenn nichts weiteres Angegeben- nur zur Leihe zugänglich.
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